Ich muss los.

Die Zeit und ich sind wie zwei Verwandte, die sich nicht leiden können.


Florian Bartsch
Ich muss los.

Text: Philipp Kohlhöfer

Aber wie das mit Familie so ist: Man läuft sich doch ständig über den Weg.
Und dann geht es nicht immer gut.

Vor ein paar Wochen …

… hatte ich ein Date und war fünf Minuten zu spät (es war wirklich nicht länger), aber die Frau stellte sofort infrage, ob man sich auch im weiteren Verlauf des Lebens auf mich verlassen könne – zusammenziehen, Kinder, Rente, nur der Tod soll uns scheiden –, wenn ich schon am Anfang unzuverlässig bin. Wir kennen uns doch noch gar nicht, sagte ich. Und sie erwiderte, dass das nun auch nicht mehr passieren würde, da sie später den Kredit ja nicht allein zahlen könne, wenn mir sofort nach dem Hausbau einfallen würde, dass eine Rucksackreise durch Südostasien doch irgendwie besser wäre. Dann beschimpfte sie mich noch eine Weile und ging.

Ich hatte auch mal eine Freundin, eine Dänin, die antwortete, wann immer ich sie nach der Uhrzeit fragte: „Zu spät für uns beide.“

Zeit bedeutet, immer zu früh aufzustehen …

… und in tiefster Dunkelheit zum Flughafen zu fahren. Wenn ich arbeite, dann renne ich ständig irgendwelchen Deadlines hinterher, und selbst wenn ich in der abgesprochenen Zeit fertig werde, bin ich es doch nie wirklich, weil mich die nächste Deadline schon fies angrinst: Mein Terminkalender ist wie eine Hydra – ist eine Aufgabe erledigt, springen mir zwei neue entgegen.

Ich befürchte, das zieht sich durch mein Leben: Als ich ein Kind war, gingen die Sommerferien immer zu früh zu Ende. Oder der Film im Fernsehen kam zu spät abends und ich musste schon ins Bett.

Die Zeit und ich sind wie zwei Verwandte, die sich nicht leiden können.

Bei der ersten großen Party, auf der ich war, …

… fand mich Michaela aus dem Nachbardorf sexy und wollte mit mir knutschen, aber es war einfach noch nicht meine Zeit: Ich war hypernervös und ging ihr so lange aus dem Weg, bis sie keine Lust mehr hatte.
Bei der Fahrprüfung habe ich die Zeit des Überholvorgangs falsch eingeschätzt und wäre beinahe ein verkehrstoter Autofahrer geworden, noch bevor ich meinen Führerschein hatte (obwohl der Prüfer auf der Rückbank schrie, bin ich verrückterweise nicht durchgefallen).

Außerdem hatte ich Karten für das Nirvana-Konzert in Offenbach am 3. März 1994 (für 40 Mark), aber nach dem Konzert am 1. März in München wurden die restlichen Termine abgesagt und man versprach, das Konzert nachzuholen, aber dann war die Zeit von Kurt Cobain gut vier Wochen später auch schon vorbei.

Jetzt wird die Tochter immer älter …

… und ich bin der alte peinliche Typ, der nervt. Kinder, wie die Zeit vergeht! Sie arbeitet einfach gegen mich. Selbst wenn alles super ist, denke ich oft: Bald ist es vorbei mit dem Spaß und dem Leben. Und dann werde ich ganz trübsinnig. Andererseits kann ich mich schlecht beschweren, denn das Wesen der Zeit ist, dass sie abläuft. Trotzdem kommt es mir so vor, als ob die grauen Herren schon vor längerer Zeit von Momo abgelassen haben, und sich jetzt ausschließlich mit mir beschäftigen. Ich habe keine Zeit, denn die Zeit hat mich. Sie ist mittlerweile ein Produkt geworden wie die schicken Schuhe oder die Arbeitskraft. Sie unterliegt ökonomischen Maßstäben. Bin ich schneller, habe ich einen Vorteil, denn der Schnelle frisst den Langsamen.

Die Zeit und ich sind wie zwei Verwandte, die sich nicht leiden können. Eine Kolumne von Philipp Kohlhöfer.

Was ist eigentlich Zeitverschwendung? Gibt es das überhaupt?

Neulich habe ich gelesen, dass Napoleon Schlafen für Zeitverschwendung hielt. Um zehn Uhr abends ging er ins Bett, um zwei in der Nacht stand er wieder auf – und lästerte über alle, die noch schliefen. Im Laufe des Tages fiel er aber immer wieder schlafend vom Pferd und wurde zum Running Gag seiner Generalität. Vermutlich sollte man sich also einfach mal mehr Zeit nehmen. Wird man nicht der, der man eben ist, weil alles so lange gedauert hat, wie es eben gedauert hat?

Als ich studierte, habe ich zwischendurch einfach mal aufgehört, sehr lange in Kalifornien gewohnt und im Wesentlichen war ich da nur schwimmen. Kurz danach wurde ich von meiner Oma gerügt, weil ich mein Leben im Pazifik verbringe und nichts leiste. Das kann man so sehen. Aber eben auch anders. Früher standen die Leute auf, wenn es hell wurde und gingen bei Dunkelheit ins Bett, fertig.
Ich will keinesfalls zurück in den Wald ziehen und mit der Pferdekutsche unterwegs sein will ich auch nicht. Aber man kann ja trotzdem mal im Kopf behalten, dass die Taktung des Menschen eine Folge der Industrialisierung ist. Ich habe daher beschlossen, es der Zeit heimzuzahlen.

Ich besitze keine Uhr. Hat sie nun davon.

Das Problem ist nur: Meine Revolution unterscheidet sich nicht groß von anderen Revolutionen. Die Realpolitik ist am Ende stärker. Ich lege To-do-Listen an, dauert halt, wie lange es dauert, rede ich mir dann ein, aber am Ende muss ich doch nächtelang wach bleiben, um die blöde Deadline einzuhalten, weil ich sonst leider verhungern muss. Ich habe schon lange nichts mehr zum Geburtstag verschenkt, weil ich finde, dass Shopping Zeitverschwendung ist. Dabei widerspreche ich mir natürlich selbst, was auch bei den meisten Revolutionen passiert. Aus der Not habe ich dann eine Tugend gemacht und jeden mit eigenen Gedichten beschenkt, aber das führte nur dazu, dass mich niemand mehr einlädt.

Zum Sport, Mannschaftssport, kann ich auch nicht kommen, wann es mir passt, weil ich sonst allein bin. Und wenn meine Tochter sich verabredet, dann muss ich sie natürlich mehr oder weniger pünktlich abholen, weil die anderen Eltern das sonst unverschämt finden und das arme Kind bald keine Freunde mehr hat.

Außerdem ist die Zeit hartnäckig.

Überall springt sie mir ins Gesicht: Mein Handy hat eine Uhr, mein Laptop, mein Internet-Radio, mein Herd, selbst meine Waschmaschine. Neulich bin ich zur Elbe spaziert. Auf dem Weg dahin lief ich an einem Uhrengeschäft vorbei. Ich besitze jetzt eine Taschenuhr, die ich in meine Weste stecken kann. So wie man das im 19. Jahrhundert hatte. Sieht super aus und ist zeitlos.

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