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Home sweet home.

Zu Hause ist, wo man bevormundet wird, nichts darf und für immer neun Jahre alt ist.


Jan-Hendrik Simons
Home sweet home.

Text: Philipp Kohlhöfer

Zu Hause ist dort, wo man manchmal bevormundet wird, gar nichts darf und für immer neun Jahre alt bleibt. Was ziemlich nervig ist. Und auf eine besondere Art trotzdem schön.

Ich war das letzte Mal vor knapp 27 Jahren in der Küche.

Damals musste ich mithelfen beim Kochen. Ich habe den Tisch gedeckt und ihn nach dem Essen abgeräumt, die Spülmaschine bestückt und das saubere Geschirr danach in den Schrank geräumt. Seither habe ich die Küche im Haus meiner Eltern nicht mehr betreten dürfen, mit offizieller Genehmigung meiner Mutter zumindest. Ich darf das nicht tun, weil das eine Unordnung spiritueller Art mit sich bringen könnte. Ich bin zu alt für das Gefühl meiner Mutter.

Bin ich an dem Ort, an dem ich aufwuchs, darf ich auch meine eigene Wäsche nicht waschen. Ich werde darauf hingewiesen, dass ich beim Fahrradfahren vorsichtig sein muss. Und wenn ich einkaufen gehe, fragen mich meine Eltern, ob dieses oder jenes Produkt tatsächlich notwendig ist. Obwohl mein eigenes Kind fast schon ein Teenager ist, bin ich das kleine Kind, das umsorgt werden muss – und das werde ich immer bleiben. Besuche ich mein Elternhaus, gebe ich meine Souveränität an der Eingangstür ab.

Zu Hause ist dort, wo man manchmal bevormundet wird, gar nichts darf und für immer neun Jahre alt bleibt.

Fremdbestimmung ist zu Hause. Und ich liebe es. Eigentlich.

Denn es macht die Welt einfach. Wie damals in den 80ern. Wenn an jedem Samstag Herr Schwalm, der Bäcker, mit einem orangefarbenen VW Bus in unserer Straße hielt und meine Mutter Amerikaner für uns kaufte und wir dann „Captain Future“ im Fernsehen sahen, konnten wir nichts falsch machen. Ich möchte mir einreden, dass das immer noch so ist. Ein oder zwei Tage klappt das auch, aber dann merke ich: Herr Schwalm ist schon lange tot. „Captain Future“ habe ich seit Jahrzehnten nicht gesehen und Amerikaner mindestens genauso lange nicht mehr gegessen. Gar nichts zu dürfen geht mir dann sehr auf die Nerven. Zum Zu-Hause-Sein gehört auch, dass ich nach spätestens drei Tagen wahnsinnig werde.

Neulich, ich war im Sommerurlaub …

… mit meiner Tochter bei meinen Eltern, war ich sehr verwegen und habe die Waschmaschine benutzt. Ich habe das frühmorgens getan, damit es keiner merkt. Es fühlte sich an wie ein Banküberfall. Beim Frühstück sagte meine Mutter resigniert zu meinem Vater, mich dabei ignorierend: „Ich habe befürchtet, dass der das tut.“ Dann, an mich gewandt und sehr bestimmt: „Ich will das nicht.“ Ich versuchte es mit Vernunft: Ich führe selbst einen Haushalt, besitze gar eine Waschmaschine.

Meine Mutter machte eine abwehrende Handbewegung. Das habe damit nichts zu tun. Ich gehöre eben nicht an das Gerät, fertig, muss man nicht diskutieren. Und überhaupt, was solle das sein, Vernunft? Es geht, lernte ich, um das Gefühl, damit habe alles zu tun: Meine Oma Kunigunde war 82, als bei ihr Brustkrebs diagnostiziert wurde. Gerade aus der OP erwacht, bat sie die Schwester um einen Kaffee. Gibt es nicht, sagte die. OP ist zu frisch, Kaffee zu aufputschend. Kunigunde fand das unverschämt und frech und beschloss zu gehen. An einem Ort, an dem sie keinen Kaffee bekam, wollte sie nicht bleiben. Sie stand auf, zog sich an und ging nach Hause. Meine Mutter sagte: „Das war unvernünftig.“ Aber die Frage ist: Hat es ihr geschadet? Es fühlte sich jedenfalls gut an. Sie ist dann doch 89 Jahre alt geworden. Ich nickte.

Zum Zu-Hause-Sein gehört auch, dass ich nach spätestens drei Tagen wahnsinnig werde.

Zu Hause angekommen bin ich immer dann, wenn ich sofort wieder los möchte.

Aber meine Eltern sind Superleute, irre warmherzig, nett zu allen. Das Problem liegt woanders: In der Sekunde, in der man von zu Hause wegzieht, beginnt die Verklärung. Je länger man weg ist, desto toller findet man es. Auch wenn es, realistisch betrachtet, so toll gar nicht war. Deswegen habe ich das Gefühl, dass der beste Sonnenuntergang der Welt natürlich nur in Mittelhessen stattfindet. Und dass ich mich, wenn ich in ebenjenen radle, nur dort fühlen kann wie Tom Sawyer.

Zu Hause angekommen bin ich immer dann, wenn ich sofort wieder los möchte.

Beides ist natürlich Unsinn. Und doch wieder nicht. Gibt man den Begriff „Zuhause“ bei Google ein, beziehen sich die Ergebnisse auf den ersten Seiten immer auf den Ort, an dem man wohnt. Auf die Wände zwischen denen man wohnt. Zu Hause ist da, wo man Kissen stapelt und die Duschlotion nach Pfirsich riecht. Und auch Wikipedia hat einen eher nüchternen Blick auf die Dinge. „Zu Hause“ wird dort mit „Heim“ gleichgesetzt. Ich bin nicht sicher, ob das stimmt.

Dann wäre Hamburg ganz klar mein Zuhause.

Und natürlich ist Hamburg genau das. Ich wohne hier seit zwanzig Jahren, das zählt wohl. Am Anfang dachte ich, dass das eine Zuhause das andere ersetzt, aber das stimmt nicht: Man kann auch mehrere haben. Geografie ist nicht entscheidend. Es gibt schlicht mehrere Plätze, an denen die Pfirsichduschlotion stehen kann. Die Frage ist: Will man sie dort aufbewahren?
Wo ich meine Wäsche waschen will, liegt nicht an der Geografie, sondern an den Leuten. Manchmal ist das deckungsgleich, manchmal eben nicht.

Und deswegen passt Hamburg genauso gut wie der Ort, an dem ich aufwuchs. Vermutlich würde sogar Paderborn passen, wenn ich da jemanden kennen und mögen würde. Hat meine Mutter also recht: Es hat alles mit Gefühl zu tun. Dabei bekommt das ganze Thema aber mehr Aufmerksamkeit, als es verdient: Zumindest der abgeleitete Begriff „Heimat“ bedeutete bis Mitte des 19. Jahrhunderts in den deutschen Ländern nichts weiter als eine juristische Kategorie. „Heimatrecht“ hieß schlicht, dass nur diejenigen heiraten (und ein Gewerbe ausüben) durften, die auch Grund und Boden besaßen. Von Wäschewaschen war dabei nicht die Rede

Gibt man den Begriff „Zuhause“ bei Google ein, beziehen sich die Ergebnisse auf den ersten Seiten immer auf den Ort, an dem man wohnt.

My home is my castle.

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