100 Jahre in 48 Stunden.

6 Hamburgerinnen und Hamburger führen uns durch ihr Lieblingsjahrzehnt.


Florian Bartsch
100 Jahre in 48 Stunden.

Text: David Siems // Fotos: Nina Struve

Belle La Donnas Friseursalon „Stand By Me“ …

… in der Hein-Hoyer-Straße 15/17 in St. Pauli ist nach dem größten Hit von Ben E. King benannt. Der Song wurde zwar 1962 veröffentlicht, doch Belles Herz schlägt insgeheim für die 50er. Sie selbst ist nebenbei auch Musikerin und spürte von klein auf die Verbindung zum Rock-’n’-Roll-Sound der Ära, also Eddie Cochran, Chuck Berry, Buddy Holly und Little Richard, zu deren Songs Männer mit tonnenweise Brillantine im Haar ihre Freundinnen in Petticoats durch die Luft wirbelten. „Ich liebe die 50er, weil zum ersten Mal alles so bunt und extrovertiert wirkte. TV und Kino wurden wichtiger, der Rock ’n’ Roll feierte seine Geburt, Marilyn Monroe wurde zum Sexsymbol, der Cadillac erlebte einen Boom und prägte das US-amerikanische Automobildesign. Und plötzlich wollte jede Familie einen Fernseher haben“, schwärmt Belle La Donna.

Heute besucht sie regelmäßig Oldtimer-Treffen oder Rockabilly-Partys, wo Männer und Frauen Zigarre rauchen und Whiskey trinken. Belles Lieblings-Hangout: der Boom-Chicka-Boom-Store in der Simon-von-Utrecht-Straße 17.

Belle La Donnas Friseursalon „Stand By Me“ in der Hein-Hoyer-Straße ist nach dem größten Hit von Ben E. King benannt.

Für Paul Löffler, Jahrgang 1949 und Betreiber der „Plattenrille“ …

… im Grindelviertel, sind die 60er das wichtigste Jahrzehnt seines Lebens. Mit 14 besucht der Mann mit der dreireihigen Glasperlenkette regelmäßig Konzerte im „Star Club“ (weil seine Tante dort arbeitet und ihn reinmogelt), gründet eine Band und trampt allein nach Schweden. Dort verliebt er sich erstmals unsterblich in ein Mädchen namens Yvonne Magnusson: „Sie war wunderschön, doch dann fuhr sie mit ihren Eltern in die Ferien und ich litt wie ein Teufel“, erinnert sich Löffler. Sein persönlicher Summer of Love war vorüber, „weil ich wieder zur Schule musste und der Alltag uns einholte“. Doch seine wahre Sternstunde sollte erst noch kommen. 1966 gastierten die Beatles für ein letztes Hamburg-Konzert in der Ernst-Merck-Halle. Löffler, damals 17 Jahre alt und bei den Lehrern wegen seiner langen Haare extrem unbeliebt, kündigt trotzig an, dass er für die Schülerzeitung ein Interview mit den Beatles führen wird – und erntet in der Klasse kollektives Gelächter. Vor dem Konzert überredet er einen Kameramann, ihn als „Assistenten“ mit in den Backstage-Bereich zu schmuggeln, wo es tatsächlich zur Begegnung mit den Fab Four kommt und Löffler (Foto unten rechts) ein zehnminütiges Interview mit John Lennon (nicht im Bild) führt.

Heute freut sich der 69-Jährige über kleine Überbleibsel aus seinem Lieblingsjahrzehnt, etwa Bluna-Limonade, „Storck Riesen“-Bonbons oder rare Platten. Eine Frage aber bleibt: Welche Musik hört Yvonne Magnusson wohl heute?

Für Paul Löffler, Betreiber der „Plattenrille“ im Grindelviertel, sind die 60er das wichtigste Jahrzehnt seines Lebens.

Am Tag, als er Elvis Presley überlebte, dachte Shezad Eikmeier, …

… er müsste jetzt sterben. Im vergangenen Winter lag er mit starker Bronchitis im Bett und realisierte, dass er jetzt genauso alt war, wie der King 1977 an seinem Todestag: 42 Jahre, 8 Monate und acht Tage. Doch Shezad Eikmeier, kurz „Shelvis“, hustete noch eine Woche schwer vor sich hin, atmete tief ein – und lebte weiter. Viva Las Vegas! Der „King of Hamburg“ ist einer der bekanntesten deutschen Elvis-Imitatoren und kommt auf knapp 100 Auftritte im Jahr. Hafengeburtstag, Stadtteilfest, Messen, private Geburtstagsfeiern oder Besuch im Senioren-Wohnheim, er trägt den Geist der 70er-Jahre überall hin und singt „In the Ghetto“, „Suspicious Minds“ oder den frühen Hit „Jailhouse Rock“. „Die 70er-Jahre waren nicht nur am kultigsten, sondern bunt, absolut flashy und vom Glam Rock geprägt. Das Jahrzehnt symbolisiert für mich eine große Maßlosigkeit, die man auch an Elvis erkennen konnte. Erst in den 70ern ist er durch seine Shows in Las Vegas zum echten King geworden“, sagt Eikmeier. „Ich war in den 70ern noch ein Kind, aber trotzdem vermisse ich diese extrem extrovertierte Zeit.

Heute gibt es doch gar keine richtigen Modetrends mehr, alles ist sehr gleichförmig geworden“, sagt der Sohn einer pakistanischen Mutter und eines deutschen Vaters. Als „King of Hamburg“ versteht er sich auch als Botschafter der 70er, nicht nur auf der Bühne, sondern auch zweimal im Monat in seiner Elvis-Radioshow bei Radio Tide, die er seit 1991 moderiert. Elvis ist tot? Lang lebe der König!

Als „King of Hamburg“ versteht er sich auch als Botschafter der 70er.

Wenn Aileen Tiedemann heute noch einmal …

… für einen kurzen Moment das nostalgische Glücksgefühl ihrer Kindheit erleben will, dann fährt sie ins „Eiscafé Dante“ im Einkaufstreffpunkt Farmsen, wo die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. „Mein Vater hat dort immer Cappuccino mit Schlagsahne bestellt und ich bekam ein Spaghetti-Eis“, erinnert sich die freie Journalistin. Im Wohnzimmer legte sie damals jeden Tag das knallrote „Falco 3“-Album auf und erlebte ihr persönliches 80er-Highlight, als der österreichische Popstar kurze Zeit später in der Alsterdorfer Sporthalle spielte. „Über den Vater einer Freundin hatte ich Karten für die Ehrenloge geschenkt bekommen. Hinter uns saß Mike Krüger. Irgendwann stürmte eine Frau die Bühne und schrie „Falco, ich liebe dich!“ Der grinste und sagte im feinsten Wiener Schmäh ins Publikum: „Es gibt Schlimmeres, als von einer Frau geliebt zu werden.“ Heute beobachtet Aileen Tiedemann, dass die 80er in regelmäßigen Abständen ein Comeback feiern oder streng genommen niemals wirklich verschwunden sind: „Man kann das ganz gut in der Mode beobachten. Mit weißen Sneakern, hochgekrempelten Jeansjackenärmeln und Ray-Ban-Sonnenbrillen sind wir auch früher herumgelaufen. Unsere Brillen waren aber billige Imitate aus dem Korsika-Urlaub und kosteten maximal 5 Mark. Die Originalmodelle waren zu teuer für uns“, sagt sie.

Heute freut sie sich, wenn sie an alten Kaugummiautomaten vorbeikommt oder im Supermarkt die Eissorte „Brauner Bär“ entdeckt. Nur die rote „Falco 3“-Platte legt sie nicht mehr auf. Die fand in den späten 90ern am Flohmarktstand eine neue Besitzerin.

Heute beobachtet Aileen Tiedemann, dass die 80er in regelmäßigen Abständen ein Comeback feiern.

Die Musik, von der er früher Kopfschmerzen bekam, …

… tut ihm heute nicht mehr weh. Seit neun Jahren veranstaltet DJ Dreck, alias Matthias Knoop, 43, die „Entdeck the Dreck“-Partys im Grünen Jäger am Neuen Pferdemarkt. Ursprünglich nur, weil er eine Wette verlor. Für einen Abend sollte er die für ihn komplett inhaltsleere Popund Dance-Musik aus den 90ern auflegen. Ein hartes Los für den früheren Hardcore-Punk. Aus der Idee ist längst eine Hassliebe geworden. Zweimal im Monat werden Songs wie „Limbo Dance“ von David Hasselhoff, „Coco Jamboo“ von Mr. President oder Aquas „Barbie Girl“ augenzwinkernd abgefeiert. Bemerkenswerterweise tummeln sich bei den Partys nicht etwa Ü-35-Jährige, die mit Retro-Romantik und Andre-Agassi-Stirnband noch einmal ihre Jugend aufleben lassen, sondern vor allem junge Leute zwischen 18 und 25. „Die Musik steht für eine gewisse Zeit der Unschuld. Viele meiner Gäste erinnern sich vielleicht daran, wie sie damals im Pyjama auf dem Wohnzimmersofa saßen, Kekse gegessen und DJ BoBo bei ,Wetten, dass …?‘ gesehen haben.“ „Was ich aus den 90ern für mich mitgenommen habe, ist eine bestimmte Haltung: Probiere dich aus, verschwende deine Jugend, du kannst alles machen. Dazu ein starker Do-it-yourself-Gedanke und nicht so sehr das Bedürfnis nach ständiger Sicherheit.“ Um es mit den Worten von DJ BoBo zu sagen: „Don’t you know today there is a party?“

Seit neun Jahren veranstaltet DJ Dreck, alias Matthias Knoop, die „Entdeck the Dreck“-Partys im Grünen Jäger.

Als Nick Sohnemann ein kleiner Junge war, …

… sah die Zukunft eigentlich so aus: Eine Familie sitzt im autonom fahrenden Auto am Tisch und spielt Karten, über ihr eine Glaskuppel. Überschrift: „Das Auto im Jahr 2000.“ Beim Durchblättern war diese Zeichnung aus einem „Was ist Was“-Wissensbuch so etwas wie die große Verheißung für den neugierigen Sohnemann. Heute ist der 40-Jährige derjenige, der anderen die Zukunft erklärt. Mit seiner Agentur Future Candy berät er Großfirmen, wie man etwa VR-Brillen, Roboter oder Hologrammbrillen einsetzen kann. Regelmäßig fährt er ins Silicon Valley, immer auf der Suche nach den neuesten digitalen Trends. „Ich glaube, ich habe insgeheim so ein großes Interesse daran, weil ich in meiner Jugend nicht alle Konsolen und Geräte haben konnte, die ich haben wollte.“ Wie sieht seine Wunschzukunft aus? „Ich möchte, dass meine Bank immer weiß, wann ich Geld brauche. Ohne dass ich mich bei ihr melden und Anträge ausfüllen muss. Supermärkte und Bäckereien sollen wissen, was meine Ernährungspräferenzen sind, dass es für mich einfacher wird, mich gesünder zu ernähren. Und ich träume von digitalen Nomaden, die in einer Mischung aus Hotelzimmer und autonom fahrenden Tourbussen leben, quasi als Udo Lindenbergs der Zukunft. Die wichtigste Frage für mich und viele Menschen wird aber sein: Wie kann man das permanente Glück finden?“

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